Neapel: Chaos und Herrlichkeit

Neapel erschlägt mit seinen Eindrücken: Mächtige Palazzi, bröckelnder Putz, Street Art an den Fassaden, sich stapelnder Müll, an den Ecken Schreine für alle möglichen Heiligen, zu denen man hier auch den Fußballer Diego Maradona zu zählen scheint. Überall Menschen, volle Straßen. In den labyrinthartigen Gassen mit den hohen, uralten Gebäuden gehen wir verloren. Es ist schattig. Licht fällt nur herein, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel steht. Schnell wissen wir nicht mehr so recht, wo wir sind.

…und doch finden wir uns schließlich am Meer wieder – dem Golf von Neapel, der im goldenen Licht der späten Nachmittagssonne tiefblau daliegt. Zur Linken erstreckt sich die riesige Stadt, dazwischen die trügerisch-sanften Hänge des Vesuvs. Zur Rechten das Meer und gar nicht mal so fern das so viel besungene Capri. Das Panorama gleicht einem Bild, vorausgesetzt man kann sich die Industrie- und Hafenanlagen kurz hinfort denken.

Der blaue Golf von Neapel mit dem Vesuv in der Ferne

Auf den Plätzen sitzen Leute, sie drängen sich auf der Uferpromenade. Überall Musik. In einem hippen Café direkt am Wasser nehmen wir unseren Aperitif. Später werden wir in irgendeiner Gasse in einem der unzähligen Touri-Lokalen, die uns in ihrer Zahl fast überfordern, zu Abend essen.

Am Morgen frühstücken wir auf dem sonnigen Balkon unseres hübschen Hotelzimmers. Wir sitzen hoch über der Piazza Dante, sehen Marktstände, Buchhandlungen, Cafés, einen Hund in einer Dachgeschosswohnung, Kirchtürme und auf seinem Berg das Castel Sant’ Elmo, welches stolz über der Stadt thront. 

Was ich unbedingt sehen möchte ist das altehrwürdige Archäologische Museum, welches in Neapel einen riesigen, wunderbaren Palazzo füllt. Die Sammlung lässt Staunen: Natürlich zahllose Statuen mit ihren auch nach 2.000 Jahr so lebendigen Gesichtsausdrücken. Doch viel mehr begeistern mich die so farbenfrohen Mosaike, Wandfresken und Gemälde, die man in den Ruinen des nahen Herculaneum und Pompeji gefunden hat. Welch einmaliger, lebendiger Blick in diese längst vergangene Welt! Wie sehr hat sich doch in unser aller Köpfe die Antike als Marmor- und Gipsweiß eingebrannt – und hier all diese Farben! 

Nach gut zwei Stunden sind wir erschöpft von all den Eindrücken und nicht mehr aufnahmefähig. Auf einer nahen, hübsch begrünten Piazza bestellen wir etwas zu essen und den ersten Wein des Tages… Dabei haben wir das Gefühl, dass es in Neapel weniger Plätze als in anderen italienischen Städten zu geben scheint. Vielleicht liegt das nur daran, wie hoch und eng die Gebäude nebeneinander sitzen. In den Straßen und Gassen und auf den (wenigen?) Plätzen ist es schattig, was zumindest jetzt – im März, als wir die Stadt besuchen – noch nicht angenehm ist. In den engen Straßen mit ihren dichten Häuserzeilen gehen selbst Kirchfassaden oft verloren. 

Innenhof mit prächtigem Treppenhaus in Neapel

Die Häuser selbst sind über Jahrhunderte übereinander gewachsen. Auf einer Tour durch Neapels Untergrund führt man uns neben Steinbrüchen und unterirdischen Aquädukten auch durch Kellerwohnungen, deren Mauern einst die oberen Ränge des antiken Theaters waren. Verblüffend: Pompeii verschwand an einem Tag unter Asche, das griechisch-römische Neapolis über die Jahrhunderte unter Schicht über Schicht von Stadt. 

Wir irren weiter durch diese uralte, wilde Metropole. Neapel ist chaotisch und oft abgefuckt, doch gleichzeitig stolz und prächtig und voller Leben – eine alte, vor Energie strotzende, fluchende Diva. 

Am Abend entdecken wir schließlich einen Schatz: Die vielleicht schönste Bar der Welt; jedenfalls einer der schönsten, in denen ich je war. Hinter einem der alten Stadttore, der Port’Alba, dort, wo sich Buchhandlung an Buchhandlung reiht, genau dort finden wir einer dieser alten Buchhandlungen eine Bar, die Libreria Berisio. Wie das Wunderland betreten wir völlig verblüfft diesen Ort. Wir sitzen neben hohen Regalen, es duftet nach altem Papier, die großen Philosophen stehen hinter meinem Rücken. Über kunstvoll versteckte Lautsprecher spielt eine gepflegte Jazz-Auswahl. Der überaus freundliche Kellner begeistert uns, indem er fachmännisch diesen und jenen – ausgezeichneten! – Cocktail empfiehlt. Ein Traum. Der Ort. Die Stadt. Der Moment…

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5 Kommentare zu „Neapel: Chaos und Herrlichkeit

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