Das geht in die Beine: Die Hohe Tatra

Da sitze ich nun auf der Terrasse einer Ski-Hütte und trinke Bier. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht und aus Lautsprechern plärrt belanglose Pop-Musik. Hinter mir in den Wolken versteckt sich der Krivan, der höchste Gipfel der Slowakei. Meine Beine wollen nicht mehr. Die Wanderung gestern war wohl zu viel für sie:

Mit großem Schrecken war ich in der Früh aufgewacht – draußen war taghell. Hatte ich verschlafen? Was sonst nie vorkommt? Ich blickte auf mein iPhone: halb fünf. Das kann nicht sein. Ist das verdammte Ding kaputt? Griff zum iPad: tatsächlich 4:30 Uhr am Morgen und der Tag war bereits angebrochen. Mir dämmerte, dass ich zwar in der heimischen Zeitzone doch gleichzeitig rund 600 Kilometer weiter östlich war… Schlafen konnte ich jetzt allerdings vergessen.

Gut, so nahm ich halt einen der ersten Züge der Tatra-Bahn, die sich zuerst über sanfte Felder zu diesem kleinen Hochgebirge hin wandte: die Hohe Tatra an der Grenze zwischen der Slowakei und Polen, wo noch Braunbären herumstreifen sollen. Begegnet ist mir keiner… An einem Ort, dessen Name ich mir beim besten Willen nicht merken konnte, stieg ich in eine Standseilbahn um, die mich und zig andere Wanderer ein Stück den Berg hinauf brachte.  

 

Baumstümpfe vor den Gipfeln der Hohen TatraWolken umspielen eine scharfe Felskante

 

Ein Bergpanorama tat sich hier oben auf. Zielsicher ging ich nach rechts. Die Steigung war angenehm. Der Weg war allerdings größtenteils mit dicken Steinen ausgelegt, was das Marschieren auf Dauer anstrengend machte. Ich kreuzte einen Bach, ging in Serpentinen in den Wald hinein, bis ich zu einer ersten Hütte kam – da wurde mir jetzt klar, dass ich die letzte Stunde in genau die falsche Richtung gegangen war. D’oh! Hübsch war’s ja trotzdem. Nur meine Beine bereuten mittelfristig meine Orientierungslosigkeit.

Also den richtigen Weg entlang: Zu meiner Linken erstreckte sich eine weite Ebene mit ihren Orten und Feldern. Die Gipfel zu meiner Rechten sah ich vor lauter Bäumen und Latschenkiefern kaum…

 

Der bewaldete Bergrücken der Hohen Tatra mit einer Tanne im VordergrundWanderweg, links und rechts Latschenkiefern - im Hintergrund die weite Ebene unterhalb der Hohen Tatra

 

Gegen Mittag erreichte ich ein modernes, eckiges Berghotel an einem malerischen kleinen See, wo zahlreiche Wanderer fleißig Selfies schossen. Dort aß ich Gulaschsuppe und schlug mit meinem Rucksack wenig elegant einer slowakischen Dame ein Tablett voller Gläser mit Cola aus der Hand…

Ich wanderte weiter, die Vegetation wurde spärlicher, der Wind giftiger. Ein bildschöner, von hohen Felsgipfeln eingerahmter Bergsee war meine Belohnung.

Gerne wollte ich immer weiter, doch die Sonne stand bereits tief – und ich begann auf meine Beine zu hören, die auf dem Abstieg jedoch noch böse zu leiden hatten. Der Weg quer durch lichte Wälder fiel deutlich länger als ausgeschildert aus… Über zwei Stunden brauchte ich, bis ich eine Art Sanatorium aus einer Reihe mächtiger, bröckeliger Plattenbauten erreichte. Die Tatra-Bahn hielt dort: Der kleine Zug war proppenvoll. Reichlich Slowaken verbrachten in der Gegend ihren Sommerurlaub, was ich ja nachvollziehen kann. Allein war ich nie, was ich in manchem Moment leicht bedauerte…

Zurück in meinem Hotel ließ ich ein heißes Bad ein, hörte ein wenig Ella Fitzgerald. Ein paar Seiten versuchte ich noch zu lesen, aber zu schnell fielen mir die Augen zu…

 

Ein Bergsee vor den felsigen Bergrücken der Hohen TatraLila Blümchen wachsen auf einem Felsen

 

Der Start am nächsten Morgen fiel gemächlich aus. Wieder nahm ich die Bahn, dieses Mal bis zum Endhalt in Strbske Pleso – ein traumhafter See mit einigen Ferienhotels darum. Regen war angekündigt, im Moment wollte das Wetter allerdings noch halten…

Ein Sessellift mit sehr luftigem Sicherheitsbügel brachte mich hier zu dieser Hütte. Ich hatte noch wandern wollen, doch mein Schritt auf dem schotterigen Weg erwies sich als reichlich wacklig. Also besser nicht. Also eben Bier mit Aussicht: Unten der See, eine Ski-Schanze, und in der Ferne Poprad, der Ort mit viel CSSR-Charme und kleinem habsburgischen Dorfkern, wo ich ich die letzten zwei Nächte mein Hotel hatte.

 

Ein älteres Paar sitzt in einem Sessellift vor dem Panorama der Hohen TatraDer Sessellift wirft einen dunklen Schatten auf der grünen Wiese unter mir

 

Ich nehme den Sessellift wieder hinunter und ärgere mich kurz über meine verloren gegangene Rückfahrkarte – zwei Tage später finde ich sie in einer meiner hintersten Taschen… So bin ich gezwungen eine neue zu kaufen. Ärgerlich.

 

Strbske Pleso: See mit wolkenverhangenen Bergen

 

Entspannt spaziere ich einmal um den See, der sich so sanft wie malerisch an die Bergkette der Hohen Tatra schmiegt. Um mich herum lauter fröhliche, schlendernde Touristen. Der Himmel zieht zu, ein Café wo ich noch sitzen und einen Kuchen essen kann suche ich vergeblich. Stattdessen hänge ich am Telefon und plane meine Übernachtungsmöglichkeit in Wien, wo ich am folgenden Tag sein möchte… Kaum sitze ich kurz nach 16 Uhr wieder in der Bahn beginnt es draußen zu regnen. Dicke Tropfen klatschen auf die Fensterscheibe. Als ich in Poprad aussteige, reissen die Wolken wieder auf und ein majestätischer Regenbogen spannte sich über den Himmel…

So geht meine Zeit in der Slowakei zu Ende.
Mein letztes Mal hier wird es nicht gewesen sein.

 

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3 Gedanken zu „Das geht in die Beine: Die Hohe Tatra

      1. lohnt sich auf jedenfall. Gibt irgendwie immer was neues zu entdecken. Und wenn man die Hauptpunkte abgehakt hat, trifft man oft einsame Ecken an. Einfach top

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