Malawi und Mosambik: Unterwegs

Die Straßen sind gut. Das überrascht uns. Nur ein kurzes Stück irgendwo im mosambikanischen Hinterland ist eine quälende Buckelpiste wie aus dem Bilderbuch. Sonst überall Teer und Asphalt. Es bewegt sich was – vor allem die Menschen: zu Fuß, zu Fahrrad, zu Bus.

Auf unserer Reise verlassen wir uns meist auf Letzteren. Minibusse in Malawi, in Mosambik dann Chapas genannt. Früh morgens finden wir uns an den wuseligen Bushaltestellen ein. Gleich strömen mehreren jungen Typen auf uns zu. Sie fragen in dutzenden Stimmen, wohin wir wollen. Ehe wir es richtig begreifen sitzen wir in irgendeinem Bus. Und da sitzen wir eine Weile. Der Bus muss voll werden, bevor er fährt. Und wenn der Bus in unseren Augen richtig voll ist, wird er noch voller gemacht. Wie viele Leute sitzen da drin? Zwanzig? Fünfundzwanzig? Mehr? Die ganzen Köpfe zu zählen fällt mir schwer, so voll ist es. Daneben noch zig Taschen, unsere riesigen Backpacks, Säcke voller Reis (auf denen ich auch einmal sitzen darf – bei weit offener Tür…), Koffer, Gemüse, und auf einer Fahrt auch ein großes Packet, in der eine Klimaanlage steckt. Meist warten wir eine Stunde und länger. Dann geht’s los.

Auf den guten Straßen in Malawi

Das Fahrrad gehört zu den Hauptverkehrsmitteln für die Malawis - neben dem Minibus

Wenn wir Glück haben, dann sitzen wir vorne beim Fahrer, wo mehr Platz für die Beine ist – und das Land zieht vorbei. Im Radio läuft laut Musik mit entspannten Reggae-Rhythmen. Oft sind es stark christliche Pop-Songs. Jesus hier, Jesus da, mein Blick schweift derweil nach draußen: Auf ausgetrocknete Wälder und Äcker, Dörfer aus Lehm und aus Stroh, bunte Märkte, Schulkinder in ihren Uniformen, noch mehr übervolle Minibusse. Stundenlang. Wie meditieren.

Verloren gehen können wir kaum, sage ich irgendwann zu Daniel. Dann würden wir uns einfach an die Straße stellen und darauf warten, dass der nächste Bus uns mitnimmt. So wie es auch die Einheimischen machen. Unser übervoller Minibus wird dadurch natürlich immer noch voller. Auch mit alten Frauen und kleinen Kindern, die erstaunlich brav, lieb und still bleiben während wir Stunde um Stunde über die Straßen rollen.

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Für eine Strecke in Mosambik organisiert uns ein sehr motivierter, freundlicher Franzose einen privaten Fahrer. Wir müssen es bis 14 Uhr von Ilha de Mocambique zum vier Stunden entfernten Flughafen schaffen. Mit den Chapas wollen wir das nicht riskieren. Der Typ am Steuer ist nett. Kaum dass wir unterwegs sind, halten uns ein paar grau Uniformierte tatsächlich an einer der vielen Straßensperren an. Daniel und ich müssen aussteigen. Pässe vorzeigen – bekommen wir die auch wieder?

Ein halbes Dutzend Straßenpolizisten durchwühlen unsere Taschen, wenn auch nicht sehr gründlich. Als sie meine Kamera sehen fragen sie scharf, ob ich Journalist sei… Sie inspizieren meine schmutzige Wäsche und öffnen meinen Kulturbeutel. Sie entdecken meine Kondome, was die Männer mit feixen und blöden Witzen kommentieren – einschließlich eindeutiger Hüftbewegungen. Dann dürfen wir weiter. Probleme gab’s keine. Unser Fahrer ist positiv erstaunt.

Die Fahrten laufen ansonsten ausgesprochen locker, selbst wenn die mangelnde Bequemlichkeit sicherlich unter die Kategorie „gehört zum Erlebnis dazu“ fällt. In vier, fünf Jahren würde ich das vielleicht nicht mehr so machen, ich weiß es nicht. Aber dafür mache ich das ja auch eben jetzt. Wir sitzen zwischen den Einheimischen und nehmen ein bisschen Teil an dem Alltag hier teil. Auf unserer Fahrt in Richtung mosambikanischer Grenze kommen wir durch Gegenden Malawis, wo wohl sonst kaum ein Weißer sein Gesicht zeigt.

Kerzengerade Straße in Mosambik

Das merken wir daran: Am Straßenrand steht eine Mutter mit zwei Töchtern, um die 14-16 Jahre mögen die wohl alt sein. Der Minibus hält, die Tür geht auf, die Frauen wollen einsteigen – und sehen Daniel und mich auf der Rückbank sitzen. Deutlich erschrocken weichen sie zurück. Der Fahrer ermutigt sie noch, ruhig zuzusteigen. Sie entscheiden sich auf den nächsten Bus zu warten, der irgendwann kommt. Sie haben sichtlich Angst vor uns, den Weißen. Ähnliches passiert wenige Minuten später, als wieder eine Frau nicht einsteigen mag, weil wir dabei sind.

Was sie wohl über unsereins gehört haben mag, dass sie sich nicht traut? Welche Monster sind wir wohl in ihren Augen? Rassistische Vorurteile gibt es überall. Für uns ist das jetzt eine Anekdote, für andere Alltag.

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Die letzte Fahrt: 8 Stunden bis Maputo. Grüne Palmenwälder links und rechts, vereinzelt Dörfer und Städte. Langsam steigt meine Unruhe. Zum ersten Mal wird mir langweilig. Es ist, als habe ich alles gedacht habe, was sich denken lässt. Mein Kopf findet nichts mehr, woran er sich festhalten kann. Vielleicht liegt es daran, dass sich unsere Reise dem Ende zuneigt…

Wir erreichen den Busbahnhof von Maputo, in irgendeinem staubigen Vorort. Trubel. Ein Typ vermittelt uns ein Tuk-Tuk. Das bringt uns Zwei in die Innenstadt, zu unserem Hotel.
Ab jetzt gibt’s keine Minibusse und Chipas mehr. Fast bin ich darüber etwas traurig…

 

Nicht erwähnte Verkehrsmittel:

Motorrad, Kleinwagen, SUV, der Zug, der nicht fuhr, Taxis und die zwei Fahrrad-Kuriere, die ernsthaft meinten, uns mit vollgepackten Rucksäcken zehn Kilometer radeln zu können… Sie konnten es nicht.

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4 Gedanken zu „Malawi und Mosambik: Unterwegs

  1. Interessanter Bericht und Erfahrung. Ich bin als Frau auch 3 Wochen nur mit chapas durch das Land gereist und die Erfahrung, dass jemand nicht einsteigen wollte, hatte ich zum Glück nicht. …vielleicht liegst an den weißen Männern? : )

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