Doof auf Reisen (2) – Yen

Müde. Ich schwitze. Es ist drückend heiß. Immer noch spüre ich das Gewicht des vollgestopften Rucksacks auf meinem Rücken. Dabei liegt der schon auf meinem Bett im nahen Hostel. In dem Zimmer, das ich für eine Nacht mit einem älteren, fröhlichen Polen und seiner freundlichen Tochter teilen werde.

Der Tag fühlt sich wahnsinnig lang an: Von Busan auf die Fähre, im Dunst der erste Blick auf Japan, dann durch den viel zu gründlichen japanischen Zoll, dem ich irgendwie erklären muss, dass ich kein Gras dabei habe.

Weiter: der lange, schwüle Weg zum Bahnhof von Fukuoka. Die Fahrt mit dem Shinkansen. Und dann bin ich angekommen. In Hiroshima. Es ist weit nach 22 Uhr.

Noch habe ich keinen einzigen Yen in der Tische. Nur ein paar Won aus Korea. Aber was helfen die mir jetzt schon? Die verschiedensten Reiseführer haben mir Schiss gemacht: es soll so schwer sein, mit einer ausländischen Karte in Japan an Bargeld zu kommen. Ich frage nach Check-in bei der lächelnden Rezeptzionistin meines Hostels, wo der nächste Geldautomat ist, der auch mit meiner Visa Card klar kommt.

Ums nächste Straßeneck gibt’s gleich einen Convenience Store. Ein Mini-Supermarkt. Ein bisschen wie ne Tanke, nur ohne Benzin. Aber dafür mit einem ATM. Da stehe ich nun davor. Ich bin müde. Und ich rechne. Wie viel Bargeld soll ich holen?

In meinem Kopf einige ich mich auf umgerechnet 150 Euro. Das sollte erstmal reichen. Hat’s in Korea auch. Meine Karte verschwindet im Gerät, das Menü ist Englisch. Ich gebe den Yen-Betrag ein. Mit vielen Nullen. Sehr vielen Nullen.

Der Bankautomat rattert, dann spuckt er jede Menge Scheine aus, die ich in mein Portemonnaie stopfe.

Pagode in Japan / Kyoto

Am nächsten Tag sehe ich mir Hiroshima an. Ich gebe Geld aus. Für Starbucks. Für das Peace Museum. Für Mittagessen. Seltsam, geht es mir kurz durch den Kopf, dünner will mein Portemonnaie nicht werden. Weiter denke ich nicht nach.

Abends fahre ich weiter nach Kyoto. Ich habe ein sehr hübsches Guest House gebucht, mitten im Altstadtviertel Gion. Der Wirt ist ein sympathischer Mittdreißiger. Bezahlung vorab. Ich krame mein Geld hervor, kann die Scheine noch nicht voneinander unterscheiden. Der Japaner bekommt riesige Augen, der Schreck steht ihm auf dem Gesicht.

Was ist?

Das ist: 

In meiner Müdigkeit habe ich mich verrechnet. Ich tippte eine Null zu viel ein. Statt umgerechnet 150 Euro trage ich 1.500 Euro mit mir rum.

Shit.

Die verbleibenden zwei Wochen in Japan überlege ich mir die besten Möglichkeiten, mein Bargeld geschickt aufzuteilen. Ein bisschen im Portemonnaie, mehr noch eingeklemmt zwischen meiner Unterwäsche, ein kleiner Rest im Tages-Rucksack. Eintausendfünfhundert beschissene Euro!!

In gewisser Weise hab ich Glück: es gibt wohl kein anderes Land auf Erden, wo ich mir wegen Diebstahls so wenig Sorgen machen muss.

Eher: meine Schusseligkeit.

Immerhin hab ich es auch geschafft, eine Null zu viel einzutippen…

Tja… Japan war dann doch toll. Eine der besten Reisen. Einen großen Stapel Yen muss ich mit nach Hause nehmen.

Ich tausche ihn schließlich am Münchner Hauptbahnhof um…

 

Mehr Doof auf Reisen: Der Bus in Indien

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5 Gedanken zu „Doof auf Reisen (2) – Yen

  1. Ich liebe diese kleine Serie und hoffe noch viel davon zu lesen! Ich hätte nicht gedacht, dass die Automaten so große Summen ausspucken! Vor langer, langer Zeit habe ich mal in einem Hotel in Tunesien bei der Ankunft dem Kofferträger 100 Dinar (rund 43 Euro heute) in die Hand gedrückt. Ok, mir fehlte das Kleingeld und ich habe die Währungen verwechselt. Vorher waren wir in Marokko und der Dirham (100 Dirham – 9,18 Euro) stand ganz anders.

    Der Kofferträger stutzte kurz, nahm das Geld und verschwandt ganz schnell. Es ist ihm nicht zu verdenken. Immer wenn sich unsere Blicke im Hotel trafen, machte er ein schuldbewusstes Gesicht.

    1. Du hoffst auf *mehr*?? Ich soll mich also noch häufiger zum Affen machen??? Ist es das, was du sagst???
      Kannst du gerne haben. ;) ;)
      Mir fällt da leider noch so manche Episode ein. Und ich nehme an: es wird immer Nachschub geben…

      Danke auch für deine Story! Hätte mir auch passieren können. Na ja… ein Kofferträger wird das Geld wenigstens gut gebraucht haben können.

  2. Hallo Tobias,
    nein, nein, du musst dich nicht zum Affen machen! Aber wir schmunzeln doch alle gerne. :-) Im Grunde habe ich es dem Kofferträger gegönnt und mich nur über meine eigene Blödheit geärgert.

    LG
    Renate

  3. Die Serie gefällt mir sehr gut. Das hätte jedem passieren können. Andere Reisende haben auch Pannen erlebt, schreiben aber nicht darüber :-)
    Ich bin mal im Hotel in den falschen Aufzug gestiegen (es gab mehrere Aufzüge) und suchte vergeblich mein Zimmer. Irgendwann wieder zur Rezeption zurück und ich erfuhr, dass die versch. Aufzüge zwar zum gleichen Hotel gehören, aber in unterschiedliche Gebäudeteile fahren! Darauf muss man erst mal kommen.
    Viele Grüße
    Iris

    1. Hey Iris,
      das ist auch eine schöne Episode! :D
      Ich an deiner Stelle hätte da sehr schnell an meinem eigenen Verstand gezweifelt. Oder: Paralleluniversum! Auch ne Möglichkeit. Auf die einfache Lösung, dass die Aufzüge unterschiedliche Gebäudeteile ansteuern, wäre ich vermutlich auch nicht gekommen. ;)

      Danke jedenfalls für die beruhigenden Worte, dass ich nicht der einzige mit Ausrutschern auf Reisen bin. ;)

      Schöne Grüße,
      Tobias

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