Verloren in Exmoor

Verlorene Wege im Exmoor Nationalpark

Und plötzlich ist da kein Weg mehr. Knietief stehe ich im hohen Schilfgras. Ich versinke im morastige Boden, der bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch von sich gibt. Der Himmel ist grau und ich blicke über die makellose Weite der mich umgebenden Landschaft: Verzeihung, welcher Planet ist das?

Ich wollte nach Exmoor, diesen britischen Nationalpark im Norden Devons. Zum Wandern. Mein Mietwagen steht an einem Parkplatz, ich marschieree los, halbverwitterten Wegweisern folgend. Für die schwarzen Kühe eines Bauerns bin ich die große Attraktion, doch ich lasse sie hinter mir. Immer mehr verliere ich mich in der Dramatik dieses Ortes. Mir ist, als sei ich ganz allein in dieser Unendlichkeit. Und auf einmal sind da keine Wegweiser mehr…

Ein Wildpony sieht mich im Exmoor Nationalpark an

Während ich so dastehe – immer noch rätselnd, wie denn das passieren konnte – schaut mich ein Pony mit deutlicher Skepsis in seinem Blick an. Hier in Exmoor leben hunderte von ihnen wild. Ich fange an, mich zu schämen. Irgendwie. Vor einem Pony. Dann widmet es sich wichtigerem zu: Fressen.

Ich stapfe voran. Angst, verloren zu gehen, habe ich nicht wirklich. Rechts von mir ist ein Hügel, dahinter muss das Dorf sein, und mein Wagen, denke ich mir. Doch wie komme ich bloß dahin? Immer weiter gehe ich, ein Weg will sich allerdings nicht finden.

Wieder scheuche ich Rebhühner auf. Warum bleiben die nicht versteckt im Gras? Zu leichte Beute. In der Ferne sehe ich dutzende von Rehen im schnellen Galopp, sie kommen auf mich zu, beachten mich nicht, rennen vorbei. Auf einer uralten Steinmauer unter einem der wenigen Bäume hier raste ich. Von gestern habe ich noch eines dieser reich gefüllten Cornish Pasties.

Reiter im Exmoor Nationalpark

Weiter durch das Gras. Jetzt sehe ich Menschen: hoch zu Pferd. Alle adrett gekleidet. Ich komme mir blöde vor. Denn die Reiter sehen ja genau, dass ich mich verlaufen habe. Ich versuche, die Reitpartien stolz zu ignorieren. Was nur halbwegs klappt.

Stunden später: Ich sehe eine Straße! Weit kann es nicht mehr sein. Doch in der Unendlichkeit dieser Landschaft irre ich mich wieder, ich schätze die Entfernung falsch ein. Es dauert, es fängt an zu regnen.

Ich erreiche den asphaltierten Weg, er führt den Hügel hoch, irgendwann erreiche ich eine mit Bäumen gesäumte Hauptstraße, dann den Ort, dann mein Auto. Mir ist, als erwache ich aus einem Traum.

In einem Gasthof trinke ich Tee und wärme mich auf. Dann fahre ich weiter.

Die Weite des Exmoor Nationalparks

 

Im Rockford Inn

Die Nacht zuvor: Tief in Exmoor finde ich das Rockford Inn, mein Bed & Breakfast. Es liegt in einem versteckt-wirkenden Tal, drumherum Wald. Nur das Gurgeln eines Baches ist zu hören. Das Haus muss jahrhundertealt sein. Die Dielen knarren bei jedem Schritt. Mein Zimmer ist klein, doch sympathisch und modern eingerichtet.

Das Lokal des Inns ist warm und gemütlich, ich fühle mich sofort wohl. Hier passiert auch, was sonst in einer Woche England nirgends passiert: Ich esse sehr gut. Eine perfekt zubereitete Ente, mit Kartoffelbrei und Pflaumensoße. Für das Dessert ist kein Platz mehr, stattdessen bestelle ich Scotch aus dem hervorragenden Sortiment der Bar. Die Wirtin plaudert mit ihren Gästen, der Raum ist mittlerweile voll, entspannte Gespräche an allen Tischen.

Die Gaststube des Rockford Inn, Exmoor

Ente im Rockford Inn, Exmoor

Nach einem zweiten Glas Scotch gehe ich raus, sauge die frische Luft ein. Ich hatte hier, so weit weg von allem, auf einen Sternenhimmel gehofft. Stattdessen ist es völlig dunkel. Der Bach rauscht weiter. Ich gehe auf mein Zimmer, gönne mir eine lange Dusche, lese, mache das Licht aus. Und da ist er: durch das Dachfenster über meinem Bett sehe ich einen einzelnen Stern ganz klar und hell aufblitzen. Mit tiefer Zufriedenheit schlafe ich ein…

 

Alle weitere Beiträge meiner Reise „Im Süden Englands“ findet Ihr hier.

 

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3 Gedanken zu „Verloren in Exmoor

  1. Haha! Diese „weltbürgerische“ ich-habe-mich-gar-nicht-verlaufen-Verhalten kenne ich nur zu gut! Kommt mir sehr bekannt vor, wie man die „Weg-Kenner“ bewusst ignoriert und diesen „ich-wollte-hier-hin“-Blick aufsetzt. Aber vor einem Pony musste ich mich noch nie schämen! Sehr schön! Ich hoffe sehr, Du bist wieder auf dem richtigen Weg :)

    1. Danke, im Moment schaut’s mit dem Weg ganz gut aus. ;)
      Bin gespannt wo ich mich das nächste mal „weltbürgerisch-gar-nicht-verlaufe“. (Und verzeih, wenn ich in Zukunft irgendwann mal diesen Ausdruck verwenden sollte – der ist toll! :D)

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