Tokyo – Ein Meer aus Stadt

Tag 1

Shibuya. Eine Woge aus höflichen Menschen spült mich aus dem Labyrinth der Tokyoter U-Bahn. Draußen brüllt ein ungewohnt lauter Demonstrant in herrischem Tonfall. Mit der Masse schwimmend überquere ich diese eine Wahnsinns-Kreuzung, die in keiner Erzählung zu Tokyo fehlen darf. 
Noch ganz frisch in der Mega-Stadt treibt es mich durch die Straßen, vorbei an Kaufhäusern und zahlreichen Love Hotels, in denen man pro Stunde absteigen kann, hinein in ein kleines Grill-Lokal. Neben eilig essenden Japanern sitze ich an einer Theke, wir schauen alle auf die Wand. Es gibt gegrillte Hühnerleber am Spieß, dazu selbstverständlich Reis und Miso-Suppe.

Leichter Regen setzt ein, der Himmel ist grau. Die U-Bahn irritiert mich weniger, als ich erwartet hatte. So fahre ich nach Roppongi Hills, bekannt für sein Gemisch aus Hochhäusern und Einkaufszentrum, das auf mich hübsch und steril wirkt.
Mittlerweile ist der Abend hereingebrochen. Ich verirre mich herrlich in den angrenzenden Straßen. Hier überrascht mich Tokyo. Kleine Wohnhäuser, manche sogar mit winzigen Gärten. Tokyo, dieser Gigant aus 37 Millionen Menschen, ist persönlicher als ich gedacht hatte.

 

Kreuzung in Shibuya, gerade hat für die Fußgänger die Grünphase begonnen, sie strömen von allen Seiten über die Straße

Tag 2

Ein Meer aus Stadt, bis weit hinter den dunstigen Horizont. Beton, graue Häuser, alles fein geordnet, durchschnitten von einem sich biegenden Fluss. Alles endlos. 
Ich stehe 450 Meter darüber und bin überwältigt. Das ist also Tokyo. Es gibt nur Stadt. Die Eintrittskarte war nicht günstig, doch ich bin auf den Tokyo Sky Tree gefahren. Mir lohnt diese Aussicht; etwas ehrfürchtig komme ich mir vor.

Wieder U-Bahn, dann steige ich auf eine Fähre um, und lasse mich den Sumida-gawa, diesen Fluss, den ich vorhin noch von oben ausgemacht habe, herunterschippern. Vorbei an Hochhäusern, Lagerhallen, den überdimensionalen Fischmarkt, den ich nicht besuchen werde.
Fast lasse ich dann mein iPhone auf dem Boot liegen; es ist mir aus der Hosentasche gerutscht. Ich bemerke es nach dem Aussteigen. Ich hechte zurück auf das Boot, gerade als es ablegen will. Verständige mich mit Händen und ein paar Brocken Englisch. Das iPhone liegt friedlich da, wo ich saß. Ich bedanke mich freundlich bei den lächelnden Angestellten.

Blick über den Sumi-gawa Fluss vom Boot, blauer Himmel, links und rechts Hochhäuser, in der Ferne eine Stahlbrücke

Ein Baum im Hama-rikyu Garten im Vordergrund, links zwischen seinen Ästen: eine junge Frau im Kimono mit rotem Sonnenschirm

Eine kurze Pause in den hübschen Hama-rikyu Gärten. Eine grüne Oase am Fluss, dahinter Hochhäuser, was auch sonst. Ein junges Paar lässt sich in traditioneller Kleidung fotografieren. Verstohlen schieße ich ebenfalls ein Foto.

Die Ginza ist nicht weit. Überall elegante Kaufhäuser. Ältere Damen in Kimonos mit Einkaufstüten. Bei Mitsukoshi – seit dem 17. Jahrhundert im Geschäft – durchstreife ich die gewaltige Delikatessenabteilung im Untergeschoss. Jede Menge für mich Undefinierbares, aber auch Antipasti, Schokolade, Tee, Brot, und Leberkäse.

Die Ginza: links und rechts hohe, vielfarbene Kaufhäuser; links Autoverkehr, rechts Bürgersteig mit zahlreichen Passanten

Weiter nach Akihabara, als “Electronic Town” bekannt. Bunte Neonlichter strahlen mit Wucht in den Nachthimmel. Vor den vielen Videospielhallen verteilen junge Mädchen im Manga-Look Prospekte: sie alle sind stark geschminkt, perfekt frisiert, tragen arg kurze Röcke. Sie sind Dienstmädchen, Schuldmächen, Alice im Wunderland.

 

Tag 3

Dreieinhalb Wochen Japan und Südkorea gehen heute zu Ende. Mein Akku ist leer, und doch bin schlecht gelaunt, jetzt Japan verlassen zu müssen.

Ich streife über die weiten, schattigen Wege des Parks von Ueno. Ganz Tokyo ist hier: junge Paare, Freunde, Familien; rechts von mir führt ein älterer Herr an einer Leine seine Katze spazieren. Auf einem Platz an einem der Parkeingänge tanzt eine Folkloregruppe im Kreis.

Wieder nehme ich die U-Bahn, die trotz ihres einschüchternden Netzplans wunderbar funktioniert. Shin-juku ist mein Ziel, wo Tokyo von einem Doppelhochhaus aus regiert wird. Eine Aussichtsplattform gibt es da, der Eintritt ist kostenlos. Der Himmel ist diesig und grau, ich erwarte nicht viel zu sehen. 
Die Lifttüren öffnen sich und da erblicke ich, wie ein Geist in ganz weiter Ferne: den Fuji

Dunstig, nur schwer zu erkennen, erhebt sich in weiter Ferne der Fuji; ein perfekt geformter Kegel

Um den nahen Bahnhof herum wimmelt fantastischer Wahnsinn. Lauter Menschen, Kaufhäuser, Bars, Lokale, Pachinko Hallen, Leuchtreklamen. Eine neue, rauere Seite von Tokyo. Greller, schreiender, geiler. Alle paar Meter wollen mich gelackte Typen, viele von ihnen groß und mit hier auffallender schwarzer Hautfarbe, in irgendwelche Striptease-Lokale ziehen. Mein Schritt wird schneller.

Zurück in Aoyama, wo ich über AirBnB untergekommen bin, sitze ich schließlich in einem Café mit Blick auf die kleine Straße. Das Viertel ist deutlich wohlhabend, feine Boutiquen, Friseure und Lokale reihen sich in den überschaubaren, hübschen Gassen. 
Ich trinke Earl Grey, dann einen Scotch, ich lasse das Erlebte ausklingen.

Dreieinhalb Wochen. So viel habe ich gesehen, die Zeit scheint mir so lang, und doch ist sie so schnell verflogen. Ich seufze, und bin sicher, zurückzukehren.

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2 Gedanken zu „Tokyo – Ein Meer aus Stadt

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