Berge: hoch oben im Steinernen Meer

Schmerz in den Beinen. Sie schimpfen und fluchen mit jedem Schritt. Fast 2.000 Höhenmeter müssen sie heute überwinden; das bin ich nicht gewohnt.

Mit Anna steige ich hoch ins Steinerne Meer. Vom Königssee aus, der unterhalb des Watzmanns wie ganz großes Theater daliegt. Nur mit dem Boot gelangen wir an unseren Ausgangspunkt St. Bartholomä, mit seiner kleinen Wallfahrtskirche, die so gerne in bayerischen Fremdenverkehrsprospekten genutzt wird. Mit gutem Recht, kann ich nur sagen.

Anna möchte über die verlassene Trischübelalm wandern, zwölfhundert Meter oberhalb des Sees. Noch protestiere ich nicht. Als wir dort nach 4 Stunden Aufstieg rasten, laufe ich schon auf Reserve. Von hier aus müssen wir allerdings noch über das Hundstodgatterl, wollen wir unser Ziel – das Ingolstädter Haus – vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Ungläubig schaue ich zu, wie schnell und sicher Anna den Höhenweg entlanggeht. Ich tu mich schwerer. Viel schwerer. Ich bin ungeübt und dementsprechend unsicher auf dem felsigen Anstieg.
Neugierig schaut mir ein gutes Dutzend Berggämse zu, wie ich mich abmühe. Ein paar Murmeltiere hoppeln am Wegesrand vorbei.

Der Abstieg vom Sattel gestaltet sich noch beschwerlicher, ich habe keine Lust mehr – doch auch keine Wahl. Und es wird schon langsam dunkel.

Dann haben wir es erreicht: das Steinere Meer … wie die Wellen eines Ozeans erheben sich hier die Felskämme. Es ist eine unwirtliche Welt. In der Ferne sehen wir das Ingolstädter Haus, das mir wie ein Schiff auf hoher See erscheint. Eine gute Stunde wandern wir noch, dann haben wir es erreicht. Es ist nach acht, und die Nacht bricht herein.

Ich bin überrascht, als ich am nächsten Morgen keinen Muskelkater habe. Der Schlaf war kurz. Wir hatten mit Dutzenden anderer Wanderer im Matratzenlager die Nacht verbracht. Ab 7 Uhr herrschte Aufbruchstimmung.
Wir frühstücken und machen uns auf den Weg. 
Der Himmel ist grau, immer wieder fällt Nieselregen herab. Auf dem Riemannhaus machen wir Halt. Der Anblick ist spektakulär, das tiefgrüne Tal liegt weit unter uns. Mittlerweile sind wir in Österreich.

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Wir laufen weiter. Die Landschaft ist unwirtlich und grandios. Felsen, Steine, Berge in grau, weiß, schwarz, rot und pink. Eine andere Welt, so fern von allem. Sind wir noch in der Wirklichkeit? Wir könnten auch nach Mordor unterwegs sein…
Dabei sind München und Salzburg gar nicht weit. Wenn der Himmel aufreisst, sehen wir immer wieder ein Flugzeug hoch über uns die Alpen überqueren.

Langsam steigen wir ab, es wird grüner. Nach nur einem Tag unter Felsen kommt uns das Grün der Tannen schon jetzt so viel kräftiger vor.

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Die Nacht bleiben wir im Kärlingerhaus. In der Stube trinken wir Bier und reden mit anderen Wanderern, die teilweise weitaus längere Touren machen als wir: ein junges Paar, das immer wieder bekräftig kein Paar zu sein, und sich über ein Internetportal zu dieser Wanderung verabredet hat. Und da sind noch die zwei älteren Briefträgerinnen aus Nordrhein-Westfalen. Die eine läuft einmal im Jahr Marathon, die andere hat Deutschland schon mit dem Fahrrad durchquert.
Ich spüre meine Beine und komme mir ziemlich untrainiert vor.

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Draußen liegt der Funtensee. Möchte man den perfekten Bergsee malen, sanft in einer Senke liegend, drumherum tiefgrüne Wiese und zwei, drei Berghütten, und dahinter eine Bergspitze hoch in den Himmel stechend, so ist das wohl der Funtensee. 
Ich lese, dies hier sei der kälteste Ort Bayerns. 
Für mich ist es einer der schönsten.

Und jeden Schmerz in den Beinen wert.

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