Indien: Der Tuk Tuk-Fahrer am Wasserfall

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Unser kleiner Tuk Tuk-Fahrer jagt sein Gefährt mit Karacho über die holprige Straße. Schlaglöcher heben unsere Hintern von der Sitzbank. Vergeblich ist die Mühe, unsere Köpfe nicht immer wieder an der niedrigen Decke des abenteuerlichen Gefährts zu stoßen.
Der Fahrer hängt an seinem Handy, schnell sprechend, und reicht es schließlich zu dem hinter ihm sitzenden Lars. Die Schwester des Fahrers ist am Telefon. Sie spräche besser Englisch, gibt er uns zu verstehen. Der kleine Tuk Tuk-Fahrer hat kaum eine Ahnung, wohin wir eigentlich wollen, und versucht es nun herauszufinden. Seine Schwester übersetzte. 
Wir hatten ihn für den Tag gebucht.

Die Ullakaarvi-Wasserfälle sind unser Ziel; davon hatten wir im Internet gelesen. In Kaniyakumari hatten wir einen Fahrer gesucht, der uns dort hinbringen würde. Lars verhandelte; ich fühle mich dabei ja nicht wohl.
Schließlich einigten wir uns mit einem. 900 Rupie. Etwa 13 Euro. Für den Tag. Vermutlich eine Menge Geld für manch einen. Sicher bin ich mir jedoch nicht.
Ich denke unser Fahrer ist jung, doch ich kann es nicht mit Gewissheit sagen. Wie viele andere hat er einen schwarzen Schnurrbart, trägt die für Fahrer so typisch schlichte, braune Uniform und lacht viel. Der Verdacht liegt nahe, dass der Tag mit zwei durchgeknallten deutschen Rucksacktouristen, die unbedingt bei Mittagshitze einen Hügel hochsteigen müssen, nur für einen Wasserfall, für ihn noch irrer ist als für uns. Ein Abenteuer.

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Die Fahrt geht vorbei an Reisfelder, durch manchen Ort, wo unser Fahrer immer wieder nach der Richtung fragt, schließlich tauchen links und rechts Berge auf. Scharf nach rechts führt der Weg, hinein in ein Dickicht aus Bananen- und Kautschuk-Plantagen, die Straßen kaum befahrbar. Das Tuk Tuk wackelt schwer.
Wir erreichen einen kleinen Weiler, wo der Fahrer nun hält. Zwei, drei Häuser. Ein paar Truthähne kollern vor sich hin. Lars, immer hungrig und durstig, kauft bei einer Frau, die ihn ansieht, als habe sie nie zuvor einen Weißen gesehen (was sehr wahrscheinlich sein mag), Saft.

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Wir machen uns an den Aufstieg. Unser Fahrer besteht darauf, uns zu begleiten. Er gehört ja uns, für den Tag. Er schultert Lars‘ Rucksack und weiß wohl nicht so recht, was ihn erwartete. Zu Anfang telefoniert er noch fröhlich auf seinem Handy. Zu gerne möchte ich jetzt Tamilisch verstehen… Dann beginnt er zu schnaufen, immer stärker an ein Dampfross erinnernd.
Der Weg führt stetig hinauf, über lose gelegte Pflastersteine. Es ist heiß. Aber nicht unangenehm. Lars und ich rasten immer wieder. Wir haben Angst unser Fahrer schaffe es sonst nicht.

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Die Aussicht wird spektakulärer: ein weites Tal, Berge im Dunst, ein kleiner See, ein Meer aus Palmen…
An einem Schrein vorbei, gelangen wir zu den Wasserfällen: Tief fallen sie von Terrassen zu uns herab, und noch tiefer fallen sie weiter. Fotos werden geschossen. Ich sehe meinen ersten Affen, der hoch auf einem Ast sitzend vor sich hin mümmelt. Und Lars, der sich weit über glatten Fels an den Abgrund wagt, von wo sich der Wasserfall gen Tal stürzt.
Bis heute behauptet Lars, er habe Höhenangst…

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Ich ziehe mir meine Badehose an und steige in den vor uns liegenden, kleinen, glasklaren Pool. Das Wasser ist wunderbar kalt. Gegen die Strömung kämpfe ich mich an den Wasserfall heran und stelle mich darunter. Die Wucht erfasst mich. Es schlägt auf mich ein, drängt mich ab. Leben pur. Großartig. Verrückt.
Dann kommt Lars hinzu.

Was sich unser Fahrer wohl denkt? Gelegentlich kommt ein Mönch an den Pool, um Wasser zu schöpfen.
Als wir im Wasser fertig sind, lassen wir uns von der Sonne trocknen, und machen uns schließlich an den Abstieg.

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Am Schrein bitten uns die Mönche zu sich. Sie haben Reis gekocht und werfen diesen aus einem großen Topf vor kleine, mit Blumen geschmückte Götzenbilder. Den Rest des Reis teilen sie an eine Bande grauer Affen aus, die bereits warten und nun friedlich vor sich hin essen.
Die Mönche wollen nochmals Reis aufsetzen und laden uns ein, doch zu bleiben.
Welch großartige, wunderbare Idee! Mit Hindu-Mönchen quasi das, was bei uns das Brot ist, zu teilen.
Doch der Zweck und Drang der Zivilisation verhindert dies.
Wir hatten Bahnfahrkarten ergattert. Für den Zug nach Madurai. Was in Indien nicht ganz einfach ist. So müssen wir schweren Herzens die Einladung ausschlagen.

Die Rückfahrt wird abermals turbulent. Todesverachtende Überholmanöver, wildes Gehupe.
Nach einer Stunde sind wir zurück in Kaniyakumari. Unser Fahrer, dessen Namen er uns sagte, den sich aber weder Lars noch ich sich merken konnte, hält an seiner Tuk Tuk-Garage. Wo er mit stolzem wie lachendem Gesicht uns seinen braungekleideten Kollegen präsentiert.
Es ist davon auszugehen, dass er diesen Tag so schnell nicht vergessen soll…

Wir gaben ihm ein gutes Trinkgeld.

–November 2011–

Zu Indien, Teil 1: Ankommen
Zu Indien, Teil 2: Und der Regen fiel
Zu Indien, Teil 3: Mit Bus nach Süden
Zu Indien, Teil 4: An der Spitze

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5 Gedanken zu „Indien: Der Tuk Tuk-Fahrer am Wasserfall

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