Indien: An der Spitze

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Dieser Tempel ist eine dunkle, warme Höhle. Es riecht nach, ich weiß nicht was. Doch gut. Die zahlreichen Gläubigen drängen mich durch die niedrigen Hallen. Tageslicht fällt durch vereinzelte Öffnungen mit einem gleißenden Strahl hinein. Anderswo stehen Kerzen.
Schweiß legt sich in einer dünnen Schicht über meinen Oberköper, den ich aus Respekt freizumachen hatte. Auch meine Schuhe hatte ich an einem windschiefen Stand vor dem Eingang zurückgelassen und so laufe ich barfuß über den angenehm kühlen Stein.

Mir ist der Tempel fremd. Fasziniert folge ich den Alten, den Jungen, den in der Regel bunt gekleideten Menschen. Im Herzen des Heiligtums steht da ein kleiner Schrein, hell ausgeleuchtet und golden glänzend. Ein schwitzender Bär von einem Mann mit dickem Bart und einer Blumenkette um den Hals nimmt die Opfergaben der Gläubigen entgegen – Plastiktüten voller Lebensmittel – und verteilt sie um die Statue der Göttin. Devi. In ihrer Erscheinung als Jungfrau. Kumari. Von der aus auch der Ort, an dem wir uns befinden, ganz im Süden Indiens, seinen Namen herleitet: Kaniyakumari.

Vor einem Altar in einer der dunklen Ecke kniet eine alte Frau, daneben ein junges Mädchen. Wohl ihre Enkelin. Die Großmutter zündet mit ihr Räucherstäbchen an, und sie beten gemeinsam.

Vor dem Tempel wartet Lars. Wir hatten den Tag bislang in diesem verrückten kleinen Ort verbracht, mit seinen Basaren voller billigem Schund und den Horden indischer Touristen.
Einmal mehr waren wir die Helden: Hände schüttelnd, von uns Fotos machen lassend, und uns von Halbstarken fragen lassen, woher wir denn sind und wie wir denn heißen. Lars und Tobias muss in ihren Ohren angenehm fremd geklungen haben, nehme ich an.

Am Morgen hatten wir eine Fähre bestiegen; wir wollten auf eine kleine Felseninsel. Dort erhebt sich ein Schrein für einen Swami, der einst groß und bekannt gewesen sein muss. Zumindest in Indien. Steht auf der am Fähranleger angebrachten Info-Tafel.
Dieser Fels ist der südlichste Punkt. Südlicher geht es nicht mehr. Dahinter muss, tausende und tausende von Kilometern entfernt, irgendwann die Antarktis kommen.
Die Fähre war ein lustiges, schwankendes Ding. Zuerst kauften wir ein Ticket von einem Ticketverkäufer. Danach kam gleich eine Kontrolleurin. Dann noch einer, der die Tickets überprüfte. Und schließlich noch einer, der nach den Tickets sah und uns sowie die hunderten weiteren Touristen (alles Inder, andere hätte man leicht erkannt) zu der Fähre führte. Davor lag ein Berg an mehr oder weniger seetüchtig aussehenden Schwimmwesten.

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Das Meer hier war aufgewühlt. Drei Meere, so heißt es, prallen hier aufeinander: der Golf von Bengalen, das Arabische Meer und der Indische Ozean. Zuvor dachte ich immer, es handele sich dabei nur um ein Meer. Aber ich lag ja auch falsch in der Annahme, ein Ticketkontrolleur würde reichen.
Das Boot hob und senkte sich über Wellenberge hinweg, wenigen hunderte Meter hinüber zu der Felseninsel mit dem Schrein für den Swami, den ich nicht kannte.

Ein Trillerpfeife pfeifender Mann begrüßte uns, der zur Eile antrieb. Ob dies etwas nutzte, kann ich nicht sagen. Wieder mussten wir Tickets kaufen, wieder kontrollierte diese jemand und dahinter passte jemand auf Schuhe auf. Der Schrein war barfuß zu betreten. Der Boden war aus Marmor, der von der Sonne gewärmt wurde.
Der Schrein war elegant und schlicht schön. Unter ihm reihten sich kleine, offene Zellen, in denen die Schriften des Swamis verkauft wurden. Ganz im Süden des kleinen Eilandes stand ein Mülleimer. In Form eines rosa Hasen. Dort endete Indien. Und es blieb nur noch endlos scheinender Ozean.

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Zurück an Land besichtigen wir ein bonbonrosanes Denkmal zu Ehren Mahatma Gandhis. Ein alter Möchtegern-Führer versuchte mir Geld abzuknöpfen. Was klar war, bevor er uns überhaupt ansprach. Ich war frech und wollte sehen, wie er seine Nummer abzog. So spulte er Halbwissen über Gandhi herunter, das mir sehr aus meinem Reiseführer bekannt war. Ich gab ihm ein paar Rupien, die er nicht zu freudig entgegen nahm. Er öffnete ein kleines Büchlein und zeigte größere Scheine, die andere Touristen gutgläubig ihm gegeben haben sollen.
Ein kreativer Ansatz, den Preis zu heben und etwaige Schuldgefühle zu wecken. Doch beließ ich es bei meiner kleinen Spende. Er schimpfte noch ein bisschen.

Daneben stand ein Beton-Aussichtsturm mit Charme eines sinn-entleerten Parkhauses. In einer Spirale führte eine Rampe empor. Ich erinnerte mich an so manche bedrückende Vorstadt um Paris, London oder Frankfurt.

Dann ging ich in den Tempel. Lars wartete. Und sprach derweil, wie ich feststelle als ich wieder hinaus ans Tageslicht kam, mit einem jungen Inder in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Sein Bruder lebe in Hamburg, meint er. Lässig lehnt er auf einem Motorrad. Das ihm, wie wir zum Ende des Gesprächs erfahren, aber gar nicht gehört. Doch er sah gut darauf aus.

Wie ganz Kaniyakumari machen auch Lars und ich uns auf, um touristengerecht den Sonnenuntergang zu bestaunen. Wir sitzen auf einigen großen Steinblöcken direkt am Wasser, drum herum Plastikmüll. Hunderte sammelen sich dort an diesem kleinen Strandstück: picknickende Familien, Arbeiter in ihren braunen Uniformen, Paare, selbst eine Handvoll japanischer Touristen. Einer von ihnen trägt eine modernisierte, japanische Tracht. Inklusive Hut. Er lacht. Sie reisen wohl individual.

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In der Brandung baden einige Kinder. Daneben steht ein vogelscheuchiger, hagerer Mann in weißem Lendenschurz, der in betendem Gesang ausbricht. Und einen verzückten, hektischen Tanz aufführt, als die Sonne sich senkt.

All zu viel sieht man an diesem Abend nicht. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken.
Wir verpassen dann auch noch die Zauberershow des Ortes, zu der ich mich – meine Abneigung gegen Touristenfallen bei Seite schiebend – ja doch noch hatte selbst und unter Lars Drängen überreden hatte können.
Schade.

–November 2011–

Zu Indien, Teil 1: Ankommen
Zu Indien, Teil 2: Und der Regen fiel
Zu Indien, Teil 3: mit Bus nach Süden

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6 Gedanken zu „Indien: An der Spitze

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