Indien: mit Bus nach Süden

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1 Milliarde Menschen wollen bewegt werden. Mit Autos, Bussen, Rikschas, Booten, Zügen, dem ein oder anderem Flugzeug. Ein Gewimmel zwischen Nord und Süd, Ost und West. Der ganze Subkontinent auf dem Weg. Nach Irgendwohin.

Wir wählen den Bus. Unser Ziel: der Süden. Das äußerste Ende. Dort, wo es nicht mehr weiter geht. Die Spitze Indiens.
Von Kollam, wo wir in der Nacht doch nicht im Monsun ertranken, fahren wir in die Hauptstadt Keralas, Trivandrum – das, wie alle Städte Indiens, mittlerweile einen modernen, einen indischen Namen trägt. Den ich mir nicht merken kann und der, wenn ich ihn vor mir stehen sehe, auch dann nicht aussprechbarer wird.

Busfahren in Indien ist einfacheren als ich erwartet hatte. Niemand sitzt auf Dächern. Und meine Sitzbank teile ich auch nicht mit einem Käfig völler Hühner. Dafür mit hunderten in der Regel kleinen, sehr schlaksigen Menschen. Nach ein paar Stunden wird das eng. Wenn möglich, halte ich meinen Kopf aus dem Fenster.

Diese fehlen. 
Also nicht wirklich. Denn Fenster sind ja da. Allerdings ohne Scheiben. Also glaslos.
Man sieht so jedoch mehr, scheint mir. Straßen. Häuser. Ausgemergelte Hunde. Palmenplantagen. Den Wahnsinn des indischen Verkehrs.
Luft kann so den sonst stickigen, vollen Innenraum des Busses kühlen. Und die dicken, schweren Gerüche des Landes dringen herein: Wald. Hitze. Brennender Müll. Mist. Fisch. Regen. Menschen. Süßes. Gewürze.

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Für ein Stück sitzt ein junges Mädchen neben mir. In einem ordentlichen Sari gekleidet. Sie checkt auf ihrem Handy Facebook.

In Trivandrum gilt es umzusteigen. Im Chaos von Menschen und Bussen finden wir die Haltestelle, an der die Busse weiter nach Süden, in den Staat Tamil Nadu fahren. Eine knappe Stunde hätten wir, meint Inder, der wie alle im Transportwesen in einer schlichten braunen Uniform steckt, zu uns.

Ich fühle mich quängelig. Die letzten Nächte hatte ich nur wenig geschlafen. Vielleicht war es der Jetlag. Oder die Hitze. Das Rauschen des Meeres. Die Betten. Der Monsun. Die Aufregung.
Vermutlich alles zusammen.

Neben dem Busbahnhof windet sich ein nach oben hin verengender Turm in die Höhe. Hier drin ist es kühl. Und weiß getüncht.
Der Turm beherbergt eine Filiale der „Indian Coffee Company“, eine Kooperative, wie ich im Reiseführer lese, wo die Kellner am Gewinn beteiligt werden. 
Die Kellner selbst sind ein Spektakel für sich: in weißen Tüchern gekleidet, mit einer turbanartigen Topfbedeckung geschmückt, meint man sie aus den alten Kolonialfilmen zu kennen, in denen sie von irgendwelchen englische Lords und Ladies herumgescheucht werden.
Eine Rampe führt den Turm hinauf, an den Außenwänden finden sich gemauerte Tische und Bänke. Auch hier sind Lars und ich wieder die Attraktion. Bis dann noch ein allein reisender Backpacker wenige Reihen unter uns Platz nimmt. Die Aufmerksamkeit teilt sich etwas.

Wir essen. Gut sogar. Und wieder billig. Doch ich drängel. Was meiner Reisebegleitung auf die Nerven geht, und das versteh ich auch. Ich konnte trotzdem nicht anders. Ich will diesen blödsinnigen Bus bekommen. Ich bin einfach müde.

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Und so kommen wir pünktlich an die Bushaltestelle. Nur der Bus nicht. Hunderte andere drängen sich um uns.
Wir wissen, wohin wir müssen. Nur nicht, welchen Bus wir nehmen sollen. Auf denen stehen die Namen nicht länger in lateinischer Schrift. Wir nerven wohl die Beamten an der Haltestelle, denn schließlich setzen sie uns in irgendeinen Bus und meinen (mit Händen, Füßen und ein brockenweise Englisch) wir sollen in einem Ort namens Nagercoil umsteigen.

Der Bus, nun einer des Bundesstaates Tamil Nadu, ist noch abenteuerlicher: die Tür offen. Die Federung inexistent. Die Straßen auch mit mehr und mehr Schlaglöcher gesegnet. Was mir immer genau dann auffällt, als ich gerade dran bin einzunicken.
Draußen zieht noch mehr Land an uns vorbei. Die Schrift auf den Geschäften und auf den zahlreichen Werbetafeln, die ganz Indien grell und riesig zu überziehen scheinen, verändert sich. Tamilisch. Links beginnen sich die Bergrücken der südlichen Ghats zu erheben. Rechts senkt sich die Sonne über Reisfelder und Bananenplantagen.

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In Nagercoil wuseln tausende von Menschen. Wie von einem Strom werden wir getrieben. Erstaunlicherweise zum richtigen Bus. Der ist voll.
Bummsvoll.

Da stehen zwei Inder auf und machten uns Platz.
Nun bin ich dazu erzogen, auf sowas mit leichter Peinlichkeit zu reagieren. Die Herrschaften bestehen jedoch darauf. Ablehnung wäre wohl unhöflich. Wollen sie sich und ihr Land (auf das immer wieder auf unserer Reise mit Stolz hingewiesen wird) nicht auf’s Beste präsentieren?
Als wir sitzen, äußert Lars (der das Land schon drei Mal zuvor bereist hatte und sowas wie mein Guide und Experte war) die Vermutung, dass da auch noch stark das Kastendenken in den Leuten drin saß.
Ist dem so? Sah man in mir, dem sich doch so gerne aufgeklärt und politisch korrekt gerierende Westler, immer noch einen Herrn? Meiner egalitistischen Gesinnung tut das weh.

Dennoch sitze ich gerne.

Es ist schon wieder stockdunkel als wir in in Kaniyakumari eintreffen, dem Ort an dem Indien endet. Die Nacht bricht schnell über dieses Land herein. Als knippse man das Licht aus.

Im Lonely Planet (mit seinem Gebrauchsanweisungscharakter für die Weite Welt) war ein Hotel direkt am Haupttempel, in der Straße des Basars, empfohlen worden.

Nach einem ganzen Tag des Reisens stehen wir nun dort, auf dem Balkon unseres Zimmers, das Rauschen des Meeres im Ohr, Bier trinkend.
Der Boy hatte es uns gebracht.

–November 2011–

Zu Indien, Teil 1: Ankommen
Zu Indien, Teil 2: Und der Regen fiel

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7 Gedanken zu „Indien: mit Bus nach Süden

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