Washington … Mahn.Mal.

Washington #3

„In this temple as in the hearts of people for whom he saved the Union the memory of Abraham Lincoln is enshrined forever“

Da sitzt er also. In strahlendem Weiß. Die Touristenströme, die Schulgruppen, das Geplapper, die Sandalen, die T-Shirts, die permanente Jagd nach dem perfekten Selfie scheint ihn nicht zu stören.
Abraham Lincoln.

Seltsam, denke ich, ich hatte mir diesen Mann bescheidener vorgestellt. Was er wohl von diesem Tempel zu seinen Ehren gehalten hätte?
Eine müßige Frage, doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, Jefferson hätte seinen in der Nähe gelegenen Tempel wohl für zu weit weg vom Schuss befunden.

Amerika zelebriert sich in einer Form von Staatsreligion. Vom Kapitolhügel geht es schnurstracks, vorbei an Museen und staatlichen Sammlungen, zum in den Himmel ragenden Obelisken des Washington Monuments. Dahinter erstreckt sich ein quadratischer Teich. Und über den ragt eben das Lincoln Memorial empor.

Mit einer Freundin durchstreife ich dieses Gelände, das “National Mall” genannt wird. Sie ist Engländerin. Auch sie kann sich – ähnlich wie ich selbst, wie ich mit eigenem Erstaunen bemerke – der Erhabenheit dieses amerikanischen Selbstverständnisses nicht entziehen.

Natürlich: auch feiert Amerika seine zahlreichen Kriege.
Vietnam und Korea gedenkt man noch in Stille und Würde. Auf spiegelnden, schwarzen Steinplatten sind die Namen derer eingraviert, die einst sinnlos in Südostasien fielen. Einige Familien stehen davor, mit Listen in Schnellheftern, und suche nach ihren verlorenen Lieben.

Dem letzten Weltkrieg wurde ein pompöses Siegerdenkmal verpasst. Groß, der Mensch ist klein, Seele sucht man vergebens.
Wo geht es eigentlich zum Mahnmal derer in zwei Golfkriegen Gefallenen? Wie, gibt’s nicht? 
Da schau’ her.

Amerika und sein Militär scheint mir ein schwieriges Thema. Das Erhöhen des Militärischen will mir nicht recht schmecken.
In Arlington, diesem gewaltigen, Washington überblickenden Gräberfeld auf der anderen Seite des Potomac, fühle ich mich unwohl. Tausende langgediente und manche zu früh verstorbene Soldaten liegen hier.
Daneben noch Männer mit ihren Frauen – wohl selten Frauen mit ihren Männern – die sich für den Staat verdient gemacht haben.

Solche Art Verehrung ist mir fremd.
Ich bin zu sehr Zivilist hierfür.
Die ewige Flamme auf dem Grabe John F. Kennedys ist jedoch stilvoll.
Ein Park Ranger versucht die Touristen davon abzuhalten, Münzen auf die Grabplatte zu schnipsen. Vergeblich.

Zurück über den Fluss. Wasser rauscht. Mächtige Granitblöcke bilden mehrere zum Himmel offene Räume. Bäume tauchen die Anlage in Grün. Die Blätter rascheln, ein leichter Wind weht.
 “Das Einzige was wir zu fürchten haben, ist die Furcht an sich”, steht an einer der Wände.
Wir haben das Memorial von Franklin Delano Roosevelt erreicht. Es ist ruhig hier. Außer dem Wasser und den Blättern. Mir gefällt’s.
Bescheiden sitzt der Präsident da. Neben ihm, sein bemitleidenswert hässlicher Hund. Mir ist das höchstsympathisch.

So erliege auch ich dem Zauber dieses nationalen Epos, das Amerika so perfekt über mehr als 200 Jahre erzählt.

Am Abend gehe ich Griechisch essen.

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