Washington … ein Irrtum

Ich hatte mich geirrt, was Washington D.C. anging.

Die Bilder waren ja nach jahrelangem Mediengenuss auch sicher im Kopf gespeichert: ein Journalist in Trenchcoat und mit Mikrofon vor dem Weißen Haus. Ein ernsthaft dreinblickender US-Präsident. Streitende Politiker. Republikaner. Demokraten. Tea Party. FBI. NSA. Weltbank. Gewalt. Ghetto. Armut. Verfall. Rom kurz vor seinem Sturz.
Und über allem thront das Kapitol, Sitz von Kongress und Senat. Zentrum einer Weltmacht.
Es gibt in Washington kaum Gebäude, die höher sind.

Und dahinter? Eine Überraschung.

Washington #1

Ein strahlender Samstagmorgen im Mai, wir sitzen in einem Straßencafé unter Bäumen. Vor mir ein doppelter Espresso gegen den Jetlag und ein belegtes Baguette. Brie und Erdbeermarmelade – wer hätte gedacht, dass das funktionieren würde?
Nicht weit weg, bauen Händler an der kleinen Markthalle des Eastern Markets ihre Flohmarktstände auf. Jogger laufen keuchend vorbei. Eltern gehen mit ihren Kindern spazieren.

Hinter dem Kapitol und dem, was oft mit einigem an Verachtung, Überheblichkeit und sehr viel Unwissen “Washington” genannt wird, liegt ein Wohngebiet. Mit hübschen, zweigeschossigen Häuschen aus Backstein. Oder mit bunten Fassaden. Freundlich gepflegt. Die Morgenzeitung liegt noch vor der Tür. In den baumbestandenen, sehr grünen Straßen parken Autos. Es wird geradelt, und die Anwohner führen ihre Hunde im Lincoln Park aus.

Es gibt Cafés und Lokale und kleine Geschäfte wie der Laden, der sich ganz auf Gesellschaftsspiele spezialisiert hat. Ich sehe Siedler von Catan, Carcassonne, alte Bekannte. Die Straße hinunter, da ragt die weiße Kuppel des Kapitals in den blauen Himmel.
Hier in den Straßen lernen Kinder das Fahrradfahren.

Obdachlose bitten um einen Dollar, und dann meist noch um einen zweiten. Da ist es dann doch: das heruntergekommene Washington, das man doch erwartet hatte. Nicht diese durchsanierte, durchgentrifizierte  einfach nette Nachbarschaft. Das schlechte Gewissen des Gutmenschen rührt sich. Für einen Moment.

Dann trinke ich meinen Espresso, genieße die Sonne, streife über den Flohmarkt und denke mir, was für eine nette Stadt Washington doch ist …

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3 Gedanken zu „Washington … ein Irrtum

  1. Schreiben. Du musst wirklich schreiben, Mr Schulz :-) Du liest Dich so wunderbar, entspannend und mit der gewissen Komik, die mich begeistert. Und bestimmt nicht nur mich…

  2. Hat dies auf weltschaukasten rebloggt und kommentierte:

    Schon wieder ein Jahr her. Washington, D.C.
    Ich besuchte einen guten Freund, war vorher an der Stadt nicht interessiert – und bemerkte schnell, wie sehr ich mich in dieser sehr liebens- und lebenswerten Stadt getäuscht hatte … Aus dem Weltschaukasten-Archiv: „Washington … ein Irrtum“

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